Verdon Juni 2020

 

Nachdem sie in der zweiten Hälfte der 80er bis Anfang der 90er eines unserer Standardziele war und ich dort einige der allerbesten Klettererlebnisse hatte stand die Verdonschlucht schon seit einiger Zeit wieder auf unserer Wunsch-Kletter-Reise-Liste. Im Juni 2020 - kurz nach Wiederöffnung der französischen Grenze wars dann endlich soweit. Ohne Hund - der blieb beim fernstudierenden Urs in Coburg - also allein zu zweit war der Weg frei für gepflegtes MSL-Klettern. Super cool, dass an beiden Wochenenden an denen wir vor Ort waren, Laurence und Oli aus Vence anreisten und wir gemeinsam aktiv waren.

Vorweg: Das Revival war mehr als überzeugend und wir werden da ab sofort ganz sicher wieder regelmäßig sein. Fels- und Routenqualität sind wirklich sensationell und das grandiose Gesamtambiente ist nicht zu toppen.

 

Unsere Einstiegsroute am Ankunftstag verlief auf altbekannten Gefilden im Sektor Dalles Grises. Die zunächst geplante Route war wegen Geierbrut gesperrt und nach kurzer Analyse unserer Topos fiel die Wahl auf Catalunya mon amour. Nach viermal Abseilen, eben über Dalles Grises, standen wir im Jardin des Ecureil (Jardin heißen die Terrassen im Escalès-Massiv) und es konnte losgehen. Dass jemand 2015 in diesem Wandteil noch eine neue und eigenständige Linie fand, ist erstaunlich, aber es ist so. Coole Tour mit zwei richtig langen 6b-Längen und sehr typischer Verdonkletterei an Wasserlöchern und Querrillen in eisenfesten grauen Fels. Ein richtig guter Start auf jeden Fall.

Anschließend machten wir gleich die große Fahrrunde auf die andere Seite der Schlucht ('Rive gauche'). 40 km und eine gute Stunde Fahrt in grandioser Umgebung brachten uns zum Parkplatz beim Hotel Les Cavaliers. Von dort aus steigt man über einen komfortablen Wanderweg runter in die Schlucht zum Massiv Estellié, einer Nordwand (in Teilen auch Nordost), was angesichts der sommerlichen Temperaturen unsere Wahl bestimmt hatte. Zwei Seilschaften waren in der Route unserer Wahl Petra Aliena vor und eine dann noch hinter uns. Da dachte ich schon, hier ist ja richtig viel los, aber das hat sich dann an den folgenden Tagen so nicht bestätigt. Nach einer Stunde Warten durften wir die knapp 200 Klettermeter in Angriff nehmen. Superschön, wie meist hier recht homogen in der Schwierigkeit, aber aus der Rückschau auf alle 11 Routen doch nur unteres Mittelmaß.

Nach der Tour waren Laurence und Oli schon am Parkplatz und wir fuhren gemeinsam ins malerische Aiguines dem Hauptort der Rive-Gauche-Seite, mit viel Provence-Flair und tollem Tiefblick auf den Lac de Sainte-Croix. Nach einem schönen Campingabend im Wald unter Aiguines stand am Samstag die Ostwand des Vernis auf dem Programm, ein Massiv, das erst in den 2010er Jahren erschlossen wurde, was angesichts der Routenqualität und der Ideallage verblüfft. Mit Oli in Cérérales Killer (8SL, bis 7a) und am Sonntag dann mit Yvonne in Une Pincée de Ketchup (10 SL, bis 6c) durften wir die Früchte der genialen Erschließerarbeit genießen. Das Tiefblick-Ambiente hoch über dem, mit Tret- und Paddelbooten übersäten Verdon steht der Routenqualität in nichts nach. Insbesondere die 'Ketchup' entpuppte sich als absolutes Highlight. Nach zwei atemberaubenden Abseilfahrten wechselt die typische Verdon-Wandkletterei mit Rissen und Verschneidungen und bleibt über ganz lange Passagen (in 9 von 10 SL) homogen im 6b-6c-Bereich.

 

Am Ausstieg umkreiste uns ein scheinbar neugieriger Geier, perfekte Abrundung für einen tollen Tag. Überhaupt - die Geier: Eine weitere echte Attraktion im Verdon-Gebiet, nicht nur aber natürlich im Besonderen für den ambitionierten Naturfotografen. Viele Stunden habe ich allein, aber auch mit neuen Bekannten, die man beim Fotografieren leichter trifft als beim Klettern, mit voller Begeisterung den Geierfotos 'gewidmet'. Top-Bilder mit dem großen Tele waren schnell im Kasten, da die hier heimischen Gänsegeier wirklich nah an den einschlägigen Aussichtspunkten vorbei fliegen. Manchmal hatte ich den Eindruck sie schauen her, wenn sie das Klicken des Auslösers hören. Das geplante Bild mit einem Geier im Vorder- und möglichst dem kompletten Escalès im Hintergund brauchte dann doch viel Geduld und meine Zielvorstellung wurde auch nur zu max. 90% erfüllt. Immer war der Vogel zu tief, zu hoch oder zu weit weg und wenns mal genau gepasst hätte war ich zu langsam ...

Die Geier-Population in der Region ist beeindruckend: Ca. 200 Brutpaare und sicher einige Dutzend noch nicht gepaarte Jungvögel bevölkern die Felsen der Schlucht. Die französische Vorgelschutzorganisation LPO kümmert sich, sie schützt und monitort. Überall wo Geier in nisten, stehen Schilder, die Abseilen bzw. Klettern in diesen Wandbereichen ausschließen. Wir haben an einer Informationsveranstaltung in Rougon, wo die LPO eine Station zur Aufzucht weiterer Geierarten und auch zur Fütterung betreibt, teilgenommen. Das war fotografisch zwar nicht ergiebig, aber auf jeden Fall informativ und sicher eine Empfehlung wert.

 

Die Ruhetage waren also 'ausgelastet': Neben den Geiern gibt es im Umfeld ganz viel, ziemlich unberührte Natur zu entdecken - und - es gibt La Palud. Der kleine und sehr sympathisch gebliebene Zentralort auf der rechten Schluchtseite - mit Kneipe, freiem Stellplatz und einem 1A-Pizzawagen. Es gibt wenig Orte, an denen ich einen gemütlichen Ruhetag lieber abhängen würde.

 

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Fürs zweite Wochenende hatte Oli eine ernstere Herausforderung, der ich mich dann wohl stellen musste, ins Auge gefasst: L'Estemporanée. Zur Charakterisierung der Text aus dem Führer frei übersetzt: EIN MUSS. Referenz im Verdon, wenn es um selbst zu sichernde Risskletterei geht. Es ist alles da für echten Mythos: Steilheit, Ästhetik, das Fehlen von Sicherungen und der monströse Körperriss in L3.

 

Ich hatte mich während der Woche in einer der Nachbarrouten Les Caquous schon etwas vorbereitet, da gabs neben schönen Rissen und Verschneidungen allerdings Bohrhaken satt (noch dazu ganz neue) und die Körperrissansätze beschränkten sich auf eine Stelle. Die L'Estemporanée war schon eine echte Herausforderung für uns, mehr noch für Oli, der in den wirklich herben Off-Width-Passagen von Länge 3 im Vorstieg antrat, bewaffnet mit einem 6er und zwei 5er-Camalots. Gemeinerweise ist so eine Länge ('nur 6c') dann ja im Nachstieg nicht so richtig das Problem, aber in den beiden folgenden Längen wurden auch meine Nerven in Kaminen und sehr zäh zu sichernden Rissen ziemlich aufgebraucht. Für die 5 SL-Heldentat brauchten wir sage und schreibe sechseinhalb Stunden. Yvonne kam uns schon suchen, als wir bei Dunkelheit zum Auto zurück liefen.

 

Für die Folgetage war wieder 'normal' Klettern angesagt und es folgten weitere Highlights: Robin de jouvence - nach wieder heißer Abseile vier grandiose Längen in absolutem Wahnsinnambiente, was in gleichem Maße für die etwas längere Ras le Bolchoi am L'Imbut gilt. Die Dichte an Superrouten ist wirklich der Wahnsinn, es fühlt sich alles immer wie großes Abenteuer an, obwohl es im Vergleich zum 'richtigen' Alpinklettern doch recht billig zu erreichen ist. Man muss zwar meistens irgendwo runter seilen, aber das davor und danach ist doch sehr komfortabel.

Das absolute Highlight war dann an unserem letzten Klettertag geboten: Tandem pour une Evidence. Unfassbar gute 8 Seillängen mit einem Grad an Abwechslung, den ich so noch nicht erlebt habe: Von kleinen Leisten und bester Wandkletterei mit eingestreutem Dächlein in L1 und 2, über einen super-coolen Quergang mit kniffligen Stellen, 30m Piazschuppe vom Allerfeinsten, zwei alpin angehauchte Riss-Seillängen, 45m fantastische Tropflochkletterei bis zum Henkel-Finish auf einer ausgesetzten Pfeilerkante - einfach unglaublich gut. Wir kommen wieder ...

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