Aiguille Dibona - Visite obligatoire

Seit mehreren Briancon-Aufenthalten reden wir darüber, dass man man mal auf die andere, die Westseite des Ecrin-Massivs fahren müsste. Ins Hochtal des Vénéon, Richtung La Bérarde. Da scheint es doch auch sehr viel attraktive Mehrseillängentouren zu geben und die Gegend schaut spektakulär aus.
In diesem Sommer ist es passiert. Viele Leute in unserem Sommercamp, also Urs gut beschäftigt und Hund versorgt. Dazu Yvonne voll motiviert - es gab sozusagen keine Ausreden mehr. Unsere Tourenwahl war auf die Visite obligatoire an der Aguille Dibona gefallen. Von Pelvoux aus, erstmal gute zweieinhalb Stunden Anfahrt bis nach Les Etages. Langes Gegurke, um am Ende keine 5 km Luftlinie zu überwinden. Und dann zweieinviertel (und wir waren zügig unterwegs) Stunden Zustieg zur Soreiller-Hütte.
Nach ca. einer Stunde sieht man den Berg zum ersten Mal. Und denkt: So weit ist das ja gar nicht. Aber es täuscht, es sind mehr Kehren als man glauben möchte und sie ziehen zäh den Hüttenhang hinauf. Der Anblick des Berges und die Vorfreude entschädigen allerdings schon irgendwie.
Irgendwann ist man doch oben und so nah vor der Wand, dass man zumindest am nächsten Morgen nicht nochmal über Zustieg reden muss. Und je näher man dran ist, desto besser schaut die zu erwartende Kletterei aus.

Die Hüttennacht war ungemütlich, in einem stickigen und leicht überfüllten Schlafsaal schläft sich's einfach nicht so gut. Bewirtung und sonstiges Drumrum fanden wir allerdings ziemlich gut. Die teils wüsten Schimpftiraden aus den Topoguide-Führern sind nicht nachvollziehbar. Das Essen war reichlich (es gab sogar eine vegetarische Variante) und das Personal war freundlich. Wir saßen mit netten Leuten am Tisch und hatten einen angenehmen Abend. Das Publikum auf der Soreiller ist extrem international. Europa lebt, auf engstem Raum - Franzosen, Italiener, Schotten, Finnen, Holländer, Tschechen, Österreicher ... und man hat das Gefühl, dass das AFD-FN-SVP-FPÖ-und sonstige Faschistenpack hier gar nicht reingelassen würde.

Allein ist man hier wohl nie, bei dem Angebot an Routen kann man das auch nicht erwarten. Die Hüttenwirtin fragt bei der Aufnahme nach der geplanten Tour und man erfährt gleich, wieviel 'Konkurrenz' einen erwartet. Wir waren Nummer 4 in der geplanten Tour und machten uns dementsprechend früh auf den Weg. Vor uns waren ein finnisch-schottisches Paar. Der Auftritt des finnischen Mädels in der ersten Länge war eher beängstigend, es ging gar nicht vorwärts. Das löste sich dann aber auf und wir kletterten die Tour praktisch ohne Verzögerung und immer parallel, angenehme Konversation an den Standplätzen inklusive. Die nachkommenden 2 oder 3 Seilschaften konnten wir auf Abstand halten.
Aber nicht nur in dieser, sondern in jeder Beziehung war das ein grandioser Klettertag. 14 Seillängen in schönem, superfesten Granit und das Ganze unglaublich homogen. 12 der 14 Längen sind irgendwie so um 6+/7-, nie wirklich leicht, nie wirklich schwer und auch eigentlich nie, in die, im Granit in diesem Graden übliche, Plattenschleicherei ausartend. Ganz einfach ein toller und purer Kletterspaß. Ich glaube, es war die 8. Seillänge, auf jeden Fall war sie sensationell: Eine steile Wand mit großen Schuppen, die von untern echt schwer und spektakulär aussah. Spektakulär war's auch, aber jedesmal, wenn man dachte, jetzt wird's aber mal härter, kam wieder eine echte 'Kloschüssel' - es war einfach super.

Visite obligatoire

Aiguille Dibona, 400m - 12 SL
max 6a+
15.8.2017, mit Yvonne
pers. Bew.: +++ / 1
alles RP bzw. R+
topo: Cambon (livre ouest), camptocamp, topoguide

Vom beeindruckend engen Gipfel einmal 50 m Abseilen und dann auf einem unproblematischen Weg wieder zur Hütte. Und auch wenn die Anfahrt zäh und der Zustieg aufwändig war, es hat sich ohne Zweifel gelohnt - da waren Yvonne und ich uns absolut einig ... Ich würde sogar nochmal hochlaufen. Viele Touren schauen wirklich sehr gut aus und es gibt scheinbar schon eine gute Auswahl, von der gut gesicherten Plaisirkletterei bis zu komplett cleanen Routen.

 

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